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Autonomie im Internet: Vertrauen ist gut, Kontrolle unmöglich.

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Wie kann man sein Kind zu einem weltoffenen und selbständigen Menschen erziehen, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren? Eine Frage, an der bereits die analogen Elterngenerationen ordentlich zu kauen hatten. Doch auch wenn eine totale Kontrolle (zum Schutz des Kindes, versteht sich!) wohl stets nicht mehr als ein frommer Wunsch der Eltern war, war doch zumindest klar und mehr oder weniger steuerbar, in welchen Grenzen sich der in Kauf genommene Kontrollverlust bewegen durfte. Die erste Zigarette im Maisfeld, der erste Vollrausch mit süßem Fusel und die verschämte Lektüre von Klaus Kinskis „Ich bin so wild nach Deinem Erdbeermund“ unter der Bettdecke. Vielleicht noch ein bisschen mehr, vielleicht noch ein bisschen wilder. Aber alles irgendwo mit dem eigenen Erfahrungshorizont der Eltern zu (be)greifen.

Als das Internet über uns hinein gebrochen ist, hat sich das schlagartig geändert. Denn das Netz beinhaltet neben allem, was man sich so vorstellen kann auch das, was man sich vorher nicht vorstellen konnte oder wollte. Unbegrenzte Möglichkeiten, unbegrenzte Gefahren – und das alles bei – unterm Strich – begrenzten Kontrollmechanismen. Denn während die heutigen Kinder quasi ins Internet hinein geboren wurden und sich dort pfeilschnell und zielgenau zu bewegen wissen, manövrieren die Eltern im digitalen Neuland oft ungelenk und tapsig herum. Viele von ihnen in der bangen (und möglicherweise gar nicht so verkehrten) Annahme, dass bereits hinter dem nächsten Link das unsagbare Böse lauern könnte. Ein Böses gar, dass sich nicht mit den in der analogen Welt erlernten Mitteln so einfach niederstrecken lässt. Die Eltern fühlen sich zunehmend hilflos, der Kontrollverlust ist kein vages Gefühl mehr, er ist zur unumstößlichen Tatsache herangewachsen. Für viele wurde das Internet zum Angstgegner, vor dem es die Kinder um jeden Preis zu schützen gilt. Aber wie?

Natürlich kennt man auch im Internet-Zeitalter Kontrollmechanismen, die den Eltern vermeintliche Sicherheit und einen ruhigen Schlaf versprechen. Da gibt es spezielle Kinderbrowser, die die Kinder von bösen Inhalten fern halten wollen, eigens für Kinder elaborierte Inhalte, die die Aufmerksamkeit des Nachwuchses in einen sicheren Hafen umleiten sollen und natürlich allerlei Tipps und Tricks, wie die Eltern die Gefahren des Internets identifizieren und für ihre Kinder minimieren können. Diese Angebote sind gut und wichtig, aber sie lösen das eigentliche Problem nicht.

Denn während sich der Aktionsradius analoger Generationen vielleicht noch halbwegs kontrollieren ließ, ist die digitale Welt uferlos, nicht zu packen und schon gar nicht zu kontrollieren. Eltern, die den heimischen Computer wegsperren, sobald ihre Kinder in die Nähe kommen und die sich mit Nachdruck weigern, ihr Kind mit Smartphone oder Tablet auszustatten, können sich sicher sein, dass es im unmittelbaren Umfeld ihrer Kinder genügend andere Kinder gibt, die – sei es aus Haltung oder aus Gleichgültigkeit – entweder von Haus aus „sperrenfrei“ aufwachsen oder sehr gut wissen, wie man diese Sperren umgehen kann. Auch wir hatten es damals schließlich raus, uns durch den Verbots- und Vorschriftendschungel zu schlawinern, ohne dass unsere Eltern davon je Wind bekommen hätten. Und die Kinder- und Jugendlichen heute sind darin sicher nicht weniger gewieft als wir es waren.

Erst vor Kurzem erzählte mir eine befreundete Mutter, dass in der Schule ihrer gerade 12-jährige Tochter auf einem Smartphone Pornos und Tierquälerfilme aufgetaucht sind. Diese wurden auch von Kindern gesehen, die selbst gar kein Smartphone besitzen. Daraus ein Smartphone-Verbot an Schulen abzuleiten, klingt zunächst plausibel, ist aber wohl doch zu kurz gedacht. Und auch der Versuch, wenigstens das eigene Kind nicht in die Nähe dieses Teufelszeugs zu lassen, schafft für das Kind möglicherweise mehr Probleme als Lösungen. Die Lebensrealität der heutigen Generation zeigt, dass schon Kinder sich die Vorteile digitaler Lösungen zu nutzen machen – Lern- und Hausaufgabengruppen via Whatsapp sind nur ein Zeichen dafür. Und wer nicht drin ist, ist draußen – ganz so wie im echten Leben.

Verbote und Sperren können gegen die Untiefen der digitalen Welt also nur punktuell etwas ausrichten. Und sie führen im Zweifel auch nur dazu, dass dem Kind die Augen vor der Realität verschlossen werden und in letzter Instanz auch dazu, dass es vielleicht nicht zu einem mündigen digitalen Bürger heranwächst. Wer sein Kind im digitalen Umfeld wirklich schützen will, der muss meiner Meinung nach heute bereit sein, ein Mindestmaß an digitaler Autonomie zuzulassen. Kinder sollten den selbstverständlichen Umgang mit digitalen Medien erlernen, statt von ihnen ferngehalten zu werden. Sie sollten darauf vorbereitet sein, was ihnen im Internet so alles begegnen kann und offen darüber reden können, wenn ihnen etwas Schlechtes begegnet. Sie sollten wissen, wie sie sich selbst und andere vor unerwünschten Inhalten schützen können. Sie sollte lernen ihre Privatsphäre zu schützen und respektvoll mit der Privatsphäre anderer umzugehen. Und sie sollten möglichst alles erlernen, was ihnen im Internet von praktischem Nutzen sein kann. So z.B. auch wie sie dort analoge und digitale Güter erwerben können und welche Zahlungsmittel sie dafür sinnvollerweise nutzen können.

Kinder sollten für Gefahren sensibilisiert werden, aber gleichsam auch erfahren, welchen Chancen ihnen die digitale Welt bieten kann. Sie sollten lernen, die Klaviatur der digitalen Welt zu beherrschen, statt von ihr beherrscht zu werden. Und sie sollten lernen, wann es Zeit ist, den Stecker zu ziehen und einen Spaziergang im Park zu unternehmen. Und wenn die Eltern bereit sind, all dies zusammen mit ihren Kindern zu erfahren und zu erlernen, dann bedeutet die Akzeptanz der Autonomie, die die digitale Welt in sich trägt, nicht unbedingt einen Kontrollverlust auf Seiten der Eltern. Sie bedeutet lediglich Kontrolle durch Kompetenz statt durch Verbote.

In der Beitragsreihe „Bits, Kids & Knete“ (unterstützt von paysafecard) gehen wir u.a. auf die Möglichkeiten (fast) spurenloser Bezahlung im Netz, das Thema „Online Games – Fluch oder Segen für Familien?“ und die Digitalisierung des Taschengeldes ein.

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