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Minecraft: Ein Computerspiel für jedes Alter?

Seit 2014 absolviere ich ein Studium der Medienpädagogik an der FH Köln. Im Rahmen einer Studienarbeit, beschäftige ich mich mit dem Computerspiel „Minecraft“ und der Frage, wie das Spiel nach den Kriterien der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle zu bewerten ist.Minecraft

19.95 Euro für den Minecraft Download sind überwiesen. Es kann losgehen! Ich habe mich für den Survival Modus entschieden. Das bedeutet, dass ich Materialien sammeln muss.

Da stehe ich nun in einer Landschaft aus merkwürdig grobkantigen Steinen in verschiedenen Farben. Sie haben alle dieselbe Größe. Nach weiteren Spielversuchen stelle ich fest, dass die Landschaften zufällig angelegt werden, wenn man eine neue Welt startet.

Eine Anleitung habe ich nirgends gesehen. Aber die wichtigsten Tastaturbelegungen hat man rasch selbst herausgefunden. Drehen, bewegen, hüpfen und zuschlagen. Das reicht, um den ersten Baum kurz und klein zu schlagen und Holz zu sammeln. Damit kann man schon die ersten Werkzeuge bauen. Zum Beispiel einen Pickel, mit dem Stein abgetragen werden kann. Die gesammelten Materialien können nicht nur zu neuen Werkzeugen kombiniert werden, sie dienen auch zum Bauen. Mit dem gesammelten Gehölz baue ich einen Unterschlupf. Es wird nämlich schon dunkel und schon bald schleichen ungemütliche Kreaturen durch die Gegend. Sie jagen mich. Wer sich erwischen lässt, verliert ein Spielleben und wird an einer anderen Stelle wieder ausgespuckt.

Ich überlebe die erste Nacht. Die Sonne geht wieder auf und ich komme aus meinem Unterschlupf hervor. Es geht weiter: Entdecken, sammeln, Werkzeuge basteln. Frei wie es mir gefällt. Ein Ziel gibt es nicht. Ein Ende auch nicht. Dafür gibt es unendlich viele Möglichkeiten, einzigartige Welten zu gestalten. Im Grunde der Traum eines jeden Abenteurers!

Es ist die Grenzenlosigkeit, die die Faszination von Minecraft ausmacht. Kinder können ihre Kreativität ausleben und spielen oft stundenlang. Für viele Eltern ist das ein Rätsel. Sie fragen sich, ist Minecraft eigentlich sinnvoll? Gibt es auch Gefahren für Kinder?

Ich möchte mich erst mit der Frage der Beeinträchtigungen befassen. Dafür orientiere ich mich an den Kriterien der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle, die alle Computerspiele bewertet, die auf Rohlinge gepresst sind. Dabei untersucht sie, ob die Games für Kinder verschiedenen Alters unbedenklich sind. Bedenklich ist ein Spiel, wenn es als Ganzes oder in einzelnen Elemente für Kinder oder Jugendliche beeinträchtigend wirkt, weil sie nicht mehr zwischen virtueller und realer Welt unterscheiden können. Die USK vergibt nach der Bewertung Kennzeichen. Diese sagen allerdings nichts darüber aus, ob die Spiele von den Kindern beherrschbar oder gar pädagogisch sinnvoll sind.

Da Minecraft dank Modifications (Mods) und Multiplayer Modi auch im Setting schier grenzenlos ist, schränke ich die Prüfung ein. Ich berücksichtige weder Mods, noch Möglichkeiten im Spiel mit anderen. Zudem bezieht sich mein Check auf die online Version von Minecraft für Mac. Die USK prüft keine online Varianten, weil sie dafür nicht zuständig ist. Meine Bewertung orientiert sich an der USK, weil der Kriterienkatalog ein hilfreicher Bewertungsrahmen darstellt.

Ein Spiel ohne Altersbeschränkung?

Schauen wir uns an, welche Kriterien erfüllt sein müssen, um als Spiel ohne Altersbeschränkung (USK 0) in den Handel zu kommen:

  1. Die Spiele stellen keine Gewaltdarstellungen dar,
  2. Kinder werden nicht nachhaltig ängstigenden Situationen ausgesetzt und
  3. es entsteht nie hoher Handlungsdruck dank ruhigem Spielaufbau

Das Siegel USK 0 bekommen nur Spiele, die alle Kriterien erfüllen.

(1) Man muss bei Minecraft nicht lange warten, bis die ersten Tiere sich einem in den Weg stellen. Ein paar mal zuschlagen, schon geben sie Schmerzenslaute von sich und gehen zu Boden. Dabei leuchten sie rot auf, fallen dann und lösen sich am Ende auf. Übrig bleibt ein Stück Fleisch, das man einsammeln kann. Die Tiere zeigen durch ihre Laute, dass sie leiden. Da junge Kinder nur schwer zwischen Realität und Fiktion unterscheiden können, ist auf die Menschenähnlichkeit der Beteiligten von Gewalthandlungen besonders zu achten. Weil auch Tiere als leidensfähige Wesen gelten, sollen sie auch berücksichtigt werden. Für mich ist das eine Gewaltdarstellung.

Totes Tier in Minecraft

(2) In den Nächten wird es düster. Die Musik lässt erahnen, dass jederzeit etwas passieren könnte. Es erscheinen auch Zombies. Sie bewegen sich auf den Spieler zu, jagen ihn. Einen 15-jährigen Jugendlichen lässt das kalt. Aber wie sieht es bei einem fünfjährigen Kind aus? Da kann eine schaurige Situation ängstigend sein.

(3) Bleibt noch die Prüfung hinsichtlich des Handlungsdrucks. Er entsteht, wenn viele Gegner auf einen stoßen oder die Spielgeschwindigkeit dem Spieler keine Ruhe lässt. Die Atmosphäre ist in Minecraft meist ruhig. Eine Ausnahme ist die Nacht. Dann lauert hinter jeder Ecke die Gefahr. Ungeübte können während der Verfolgung der Zombies in Bedrängnis geraten. Für sie steigt in diesem Moment der Druck.

Für USK 0 beinhaltet Minecraft also zu viel Gemetzel, Schauer und Tempo.

Kommt das Spiel für Kinder ab 6 Jahren in Frage?

Dafür müsste es folgende Kriterien erfüllen:

  1. Das Spiel setzt auf sportlichen Wettbewerb und Geschicklichkeit,
  2. die Spielaufmachung ermöglicht es Kindern im Alter von sechs bis 11 Jahren zwischen Realität und Spiel zu unterscheiden,
  3. Spannungsmomente werden nur dosiert eingesetzt,
  4. Kampfdarstellungen werden unwirklich (abstrakt-symbolisch) präsentiert und
  5. die Kampfszenen verunsichern nicht, machen keine Angst und vermitteln keine sozialschädlichen Vorbilder

Hier die Ergebnisse meines Checks:

(1) Minecraft verlangt vom Spieler Geschicklichkeit. Die Herausforderungen beginnen bei der Bedienung. Sie ist anspruchsvoll, weil zum spielen viele Tasten notwendig sind. Die Blickrichtung wird mit der Maus gesteuert während die Bewegung und das Anwählen der unübersichtlichen Menüs über die Tastatur erfolgt. Auch der dreiminensionale Raum erfordert einiges an Geschick.

(2) Real ist eine Spielumgebung, wenn die Spielwelt tatsächliche Orte und Erreignisse abbildet. Bei Minecraft bewegt man sich über Felder, klettert auf Berge und watet durch Seen. Der Tagesablauf ist stark verkürzt, aber als solcher erkennbar. Mit einwenig Fantasie erkennt man auch Tiere. Die Ich-Perspektive erzeugt ebenfalls Nähe zum Spielgeschehen (man kann auch in die Dritte-Person-Perspektive umschalten). Eine gewisse Spielnähe ist also vorhanden. Aber Kindern ab sechs Jahren ist zu zutrauen, dass sie das Lego-Spielsetting nicht mit der Lebenswirklichkeit verwechseln. Nicht zuletzt weil auch lebensnahe Orte wie Schulen oder Spielplätze nicht zu finden sind (außer der Spieler baut sie).

(3) Sind Spannungsmomenete dosiert? In der Nacht lauern zwar Monster, die den Spieler überraschen können, aber die Momente der Anspannung sind kurz. Es kommt vor, dass mehrere Kreaturen den Spieler gleichzeitig jagen, aber von Schockmomenten kann keine Rede sein. Dafür bewegen sie sich zu langsam. Erwischen sie einen dennoch, verliert man ein Spielleben und wird wieder in Zombie-freier Gegend ausgesetzt. Dem Spieler stehen auch im Spiel Strategien zur Verfügung, sich von den Zombies in Sicherheit zu bringen und damit für Entspannung zu sorgen. Er kann zum Beispiel einen Unterschlupf bauen, sich mit Fackeln schützen oder in die Berge flüchten.

Zombie in Minecraft

Weitere Spannungsmomente können entstehen, wenn der Spieler im Survival-Modus stirbt. Dann geht der aktuelle Spielstand verloren, was frustrierend sein kann.

Im Großen und Ganzen wandert man alleine durch die Landschaft. Das Spiel kann jederzeit unterbrochen werden und später an selber Stelle wieder aufgenommen werden. Meine Bewertung: Das Spiel ermöglicht es dem Spieler Abstand zum Geschehen aufzubauen.

(4) Eine realitätsnahe und detaillierte Darstellung ist gegeben, wenn Blut spritzt, Verletzungen sichtbar oder hörbar sind. Bei Minecraft sind Gewaltszenen immer abstrakt dargestellt. Blut ist nie zu sehen. Eine realistische Anmutung verhindert schon die grobpixelige Oberflächte. Den Entwicklern von Minecraft ging es nicht darum, mit Schock und Horror Aufmerksamkeit zu erzeugen. Im Zentrum steht grenzenloses entdecken und bauen.

(5) Wer sich auf Gewalthandlungen einlässt, bekämpft in aller Regel Zombies. Sie sind als solche am mechanischen Gang erkennbar. Es besteht nie Zweifel, dass sie zu den Bösen gehören, Kinder ab sechs Jahren werden aus dieser Handlung nicht automatisch schließen, dass das Eliminieren von Feinden im realen Leben ein legitimes Mittel ist. Zombies wirken dafür zu menschenfremd.

Auch an Tieren kann Gewalt ausgeübt werden. Das Töten der Tiere ist aber nicht Selbstzweck. Kühe liefern Leder und Fleisch. Das ist nicht im Sinne der Vegetarier unter den Spielern, entspricht aber der Lebenswirklichkeit. Ein ethisch-moralischer Verstoß sollt man daraus nicht ableiten.

Alle Kriterien von USK 6 sehe ich als erfüllt an.

Minecraft ist kein kampfbetontes Spiel

Das Siegel für die Freigabe ab 12 Jahren (USK 12) wird für Spiele vergeben, die deutlich kampfbetonter sind. Das bedeutet, die Kampfszenen haben eine dominante Bedeutung im Spiel und die Gewaltszenen sind dichter. Möglich ist zudem, dass die Atmosphäre aggressiver ist. Minecraft ist nicht kampfbetont. Das Spiel ist auch nicht aggressiv. Es gibt nicht einmal Schusswaffen.

Anders fällt die Bewertung aus, wenn Minecraft mit Mods oder im Multiplayer Modus betrachtet wird. Blood Mods zum Beispiel sorgen dafür, dass Blut spritzt oder Zombies Arme abgeschlagen werden können. Neue Gefahren entstehen auch im Spiel mit Fremden. Sie können Konstruktionen der Kinder zerstören oder Spieler eliminieren. Im Chat können sie Ausdrücke verwenden, die für Kinder unangebracht sind. Eine Bewertung wird unter solchen Prüfbedingungen allerdings schwierig, weil die Beeinträchtigungen sehr vielfältig sein können. Hier sind vor allem Eltern gefragt, weil den Kindern diese Erweiterungen online zur Verfügung stehen.

Ab welchem Alter ist Minecraft pädagogisch sinnvoll?

Während es bei der USK Bewertung um die Verhinderung von möglichen schädlichen Wirkungen auf Kinder und Jugendliche geht, kann man sich auch fragen, ab welchem Alter Minecraft pädagogisch sinnvoll ist.

Minecraft hat kein festes Ziel und keinen definierten linearen Ablauf. Der Spieler bestimmt beides selbst. Die Grenzen sind die eigene Kreativität. So bleibt das Spielerlebnis immer einzigartig und schier grenzenlos. Pädagogisch ist das wertvoll, denn dadurch entsteht in Minecraft so etwas wie ein digitaler Lernraum. Das Bauen erfordert logisches und räumliches Vorstellungsvermögen. Nützliche Werkzeuge entstehen durch kluge Kombinationen von Ressourcen.

Im gemeinsamen Spiel mit Freunden kommen die Vorteile von Teamwork zu tragen. Projekte lassen sich mit anderen schneller umsetzen. Das erfordert kommunikative Fähigkeiten.

Eltern sollten aber auch wissen, dass beim digitalen Spiel ohne Grenzen Suchtgefahr besteht. Wer den Turm von Babel nachbauen will, benötigt dafür ein paar Stunden ( Tage oder sogar Wochen). Gefahrenpotenzial und Zeitfresser sind auch die zahlreichen Modifikationen, der Mehrspieler-Modus und viele Community-Foren. Eltern sollten ihre Kinder durch diese Welt sicher begleiten. Sie alleine zu lassen wäre fahrlässig.

Vorausgesetzt die Eltern nehmen diese Rolle wahr, halte ich Minecraft für Kinder ab dem Grundschulalter für pädagogisch sinnvoll.

 

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