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Buchkritik zu „Neue Intelligenz“

Seit 2014 absolviere ich ein Studium der Medienpädagogik an der FH Köln. Im Rahmen einer Studienarbeit, beschäftigte ich mich mit dem Buch „Neue Intelligenz“ von Steven Johnson (238 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, 2006).

Neue Intelligenz

Computerspiele machen dumm. Das ist die landläufige Meinung. Aber stimmt sie wirklich? Steven Johnson vertritt eine andere Meinung. In „Neue Intelligenz“ geht Steven Johnson auf direkten Konfrontationskurs. Detailliert beschreibt er, wie Medien über die letzten dreißig Jahre immer anspruchsvoller wurden; ein Trend, den er „Schläferkurve” nennt – inspiriert durch einen Dialog aus dem Film Sleeper von Woody Allen. Damit nicht genug: Die zunehmende Komplexität dieser Popkultur – er zählt Computerspiele, Fernsehen, das World Wide Web sowie Filme dazu -, soll sich sogar positiv auf unseren Verstand auswirken. Massenunterhaltung macht uns also klüger, will Johnson uns weismachen.

Massenunterhaltung wird immer komplexer

Seine detaillierte Beobachtung beginnt er bei den Computerspielen. In ihnen winken den Spielern überall Belohnungen. Nicht immer sofort, manchmal sind sie auch versteckt. Weil die Spieler das wissen, suchen und erkunden sie die digitale Welt. Die Aussicht auf Belohnung reicht, um die Spieler anzutreiben. Das ist praktisch, denn so lassen sich etwa Kinder auf Komplexitäten ein, die sie besonders herausfordern. Johnson sieht in Computerspielen noch weitere Vorteile. Spieler müssen verborgene Wege und Möglichkeiten erkunden, die ihre Kreativität fordern. Dabei entwickeln sie „Hypothesen über den Nutzen und Sinn einer Sache“. Ein Werkzeug könnte für die Lösung eines Problems geeignet sein. Der Spieler wird seine Hypothesen prüfen und unter Umständen seine Schlüsse korrigieren. Aus Johnsons Sicht gleicht das dem Vorgehen wissenschaftlichen Arbeitens.

Außerdem müssen in Computerspielen laufend unübersichtliche Informationen geordnet werden, um Entscheidungen zu treffen.Und auf den Entdeckungsreisen lernen die Spieler ständig neue Regeln. Das war vielleicht in Zeiten von Tetris noch nicht so, aber die Computerspiele wurden über die Jahre immer ausgeklügelter und anspruchsvoller.

Neben Computerspielen analysiert er auch Fernsehsendungen. Bei den Sopranos oder bei 24 muss sich der Zuschauer durch verschachtelte Erzählstränge hangeln und komplizierte Beziehungsverhältnisse durchschauen. Oft werden auch bewusst Informationslücken eingebaut. Er weist darauf hin, dass viele Sequenzen bei den Simpsons mindestens einen Witz enthalten, der nur funktioniert, wenn der Zuschauer die relevanten Zusatzinformationen selbst einfügt.“ Lean-back funktioniert da nicht, denn diese Sendungen und Reality-Shows verlangen den Zuschauern viel ab.

Für das World Wide Web findet Johnson ebenfalls spezifische positive Zuschreibungen. Weil sich das Internet ständig weiterentwickelt, können die Nutzer es immer wieder neu entdecken. Es lädt uns mit der Entwicklung von Blog-Software auch zur aktiven Teilnahme ein. Das Internet ist eine Projektionsfläche jedes Einzelnen, um Ideen, Meinungen und Identitäten zu präsentieren. Nicht zuletzt ist das Internet für Johnson auch ein Ort des Austausches, was in der heutigen Omnipräsenz von Facebook niemanden überraschen wird. Diese Umgangsformen im Medium Internet trainieren unsere Fähigkeit, komplexe Systeme zu durchdringen sowie unsere soziale Kompetenz.

Die verschiedenen Formen eint also, dass sie immer komplexer werden. Aber:

Werden wir deshalb wirklich klüger?

Johnson gibt sich in seinem Werk über weite Strecken als aufmerksamer Beobachter, der eigene Erfahrungen und Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Studien für seine Argumentation nutzt. Detailliert beschreibt er seine Analysen zu IQ Tests und glaubt der Beschleunigung des „Flynn Effekts“ auf die Spur gekommen zu sein (Flynn stellte fest, dass die Menschen im Laufe ihres Lebens immer höhere IQ Testergebnisse erzielten). „Irgendein Umweltfaktor (oder das Zusammenspiel verschiedener Faktoren) muss für die Steigerung der spezifischen Intelligenzformen verantwortlich sein, aus denen man den IQ ableitet“, mutmaßt Johnson. Irgendein Umweltfaktor? Das klingt ziemlich vage.

Für Johnson bietet die Popkultur „einen idealen Nährboden für die Entwicklung unserer Problemlösungsfähigkeiten“, wobei andere Faktoren dabei „sicher auch eine wichtige Rolle“ spielen. Er bleibt bleibt den Beweis bis zuletzt schuldig und gibt offen zu, „die Verknüpfung von Flynn-Effekt und Massenmedien ist natürlich nur eine Hypothese.“

Der ausbleibende Beweis ist die Sollbruchstelle des Buches. Die Frage, ob die Popkultur hauptsächlich, in Kombination mit anderen Faktoren oder gar nur eine untergeordnete Rolle bei der Steigerung des Intelligenzquotienten besitzt, bleibt bis zum Ende offen.

Seine Beispiele von Computerspielen und Fernsehsendungen beschreibt Johnson zwar sehr detailliert, es sind aber nur Indizien, keine Belege. Manchmal wirken seine Beispiele und Behauptungen auch eher beliebig. So lobt er zum Beispiel Reality Shows, weil sie die Zuschauer dank sich „ständig verändernden Spielregeln“ und „vielfältigem Sozialpanormama“ fordern. Wenn ich an Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! denke, stimme ich zu, dass dort zwar laufend neue Aufgaben gelöst werden und die Teilnehmer in einem komplizierten Beziehungsgeflecht stehen. Dass das für die Zuschauer ein kognitives Gehirnjogging ist und sie intelligenter macht, scheint mir nicht plausibel.

An anderer Stelle behauptet Johnson, dass „sich der Inhalt eines Mediums viele weniger auswirkt als die Denkarbeit, zu der dieses Medium zwingt.“ Problematisch ist diese Aussage alleine schon deshalb, weil er nie deutlich macht, was er genau mit Inhalten meint. Vorstellbar ist zum Beispiel, dass in einem Ego-Shooter Darstellungen und Töne (also Inhalte) beim Bekämpfen der Gegner den gefühlten Belohnungsantrieb entscheidend beeinflussen. Außerdem lässt sich die Behauptung auch umkehren. Jeder achte Jugendliche gibt an, dass er schon mal mit Gewaltdarstellungen oder Pornografie im Internet konfrontiert war, die ihm Angst gemacht haben. Das Beispiel zeigt, dass Inhalte unter Umständen stärker wirken könnten, als Johnson vermutet.

Oft fehlt mir bei Johnson eine kritische Betrachtung. Er erweckt den Eindruck, also sei er der elektronischen Popkultur gänzlich verfallen. So beschreibt er zum Beispiel, dass man bei Fernsehsendungen immer neue Feinheiten entdeckt, „wenn man [Episoden] zum fünften oder sechsten Mal sieht.“ Das ist keineswegs eine Eigenschaft, die nur auf das genannte Medium zutrifft. Wer hat nicht schon mal ein Buch ein zweites Mal gelesen und dabei neue Details bemerkt?

Trotz Kritik an einigen seiner Behauptungen kann ich vielen Vorzügen, die er den Medien zuschreibt, folgen. Ich erlebe den Belohnungseffekt selbst, wenn in Minecraft der Werkzeugkasten immer weiter anwächst und damit immer komplexere Bauten gelingen. Das dauert stundenlang, weil man immer wieder scheitert. Aufgeben ist mit zu hohen Kosten verbunden, weil doch schon etliche Stunden in den aktuellen Spielstand gesteckt wurden. Da ist Geduld gefragt.
Auch das Internet erlebe ich, wie es Johnson beschreibt. Es ist ein sich ständig verändernder digitaler Dschungel, durch den ich mich gerne hindurch bewege. Im Blog kann ich meine Gedanken mit der Öffentlichkeit teilen und einen gesellschaftlichen Austausch mitgestalten.

Ich staune über die neuen Medien wie Johnson. Digital scheint alles möglich, nirgends ist ein Ende in Sicht. Das ist eine fruchtbare Spielwiese für Kinder und Jugendliche. Aber gibt es auch Gefahren? Könnte sich bei den Kindern neben der Verbesserung der „spezifisch problemlösungsorientierten Fähigkeiten“ auch etwas zum Schlechteren verändern? Johnson gibt selbst zu, „wahrscheinlich litt meine Sozialkompetenz darunter, dass ich mich stundenlang in meinem Zimmer verkroch.“

Keine gravierenden Auswirkungen vermutet Johnson bei den Inhalten. Vielmehr rät er, „statt uns darüber Sorgen zu machen, ob eine Sendung Gewalt oder Geschmacklosigkeiten zeigt […], sollten wir lieber darüber nachdenken, ob eine bestimmte Sendung den Verstand anregt oder einschläfert.“ Warum kann man nicht das eine wollen, ohne das andere zu lassen? Ich würde meinem Kind nicht vermitteln wollen, dass es auf die Inhalte des Computerspiels nicht ankommt, Hauptsache es langweilt den Geist nicht. Liegt es nicht im Bereich des Möglichen, dass sich kraftvolle Botschaften und Bilder in die Denkmuster eingravieren? Warum sollte das so sensible und leistungsstarke Hirn, wie es Johnson sieht, gegen zweifelhafte Botschaften resistent sein? Bedenkliche Inhalte gibt es in dieser Welt viele. Denken wir an Computerspiele wie Naughty Bear, in dem Partygäste unter allen Umständen vernichtet werden müssen, weil der Spieler selbst zur Feier nicht eingeladen wurde. Oder BioShock, ein Spiel in dem der Spieler Drogen besorgen muss, indem „Little Sisters“ getötet werden.
Mir scheint wichtig, dass Inhalte dem Alter angepasst sind. Werden die Kinder trotzdem mit Inhalten konfrontiert, die sie ängstigen oder verunsichern, sollten Eltern als Bezugspersonen zur Seite stehen können. Und manchmal sind die Kinder auch schlicht überfordert, wenn sie, wie Johnson feststellt, „gezwungen [werden], wie Erwachsene zu denken.“

Dem Autor kann zugute gehalten werden, dass er am Ende des Buches selbst zur Ausgewogenheit appelliert: „Gleichwohl gilt für die Medienkonsumenten aller Altersstufen: Alles in Maßen.“

„Neue Intelligenz“ ist ein unterhaltsames Buch, das die gängige Meinung, populäre Medien verdumme die Menschen, auf den Kopf stellt. Johnson zeigt anhand zahlreicher Beispiele, wie die Massenmedien immer komplexer werden und dadurch unseren Geist herausfordern. Obwohl erwiesen ist, dass Menschen in IQ Tests immer besser abschneiden, bleibt es eine mutige Behauptung Johnsons, dass die Popkultur der maßgeblich Faktor dafür ist. So wird der kritische Leser Johnsons Kernthese, die im englischen Originaltitels mit „Everything bad is good for you“ provokant formuliert ist, sowie zahlreichen strittigen Aussagen nicht zustimmen. Dafür sind einige seiner Beispiele und Erklärungen zu weit hergeholt und beliebig. An manchen Stellen fühlt man sich aber in seinen Vorurteilen ertappt. Das eröffnet dem Leser neue Perspektiven. Johnson sieht die Menschen als aktive, neugierige und partizipierende Wesen; ein erfrischendes Menschenbild.

Das Buch entlässt den Leser am Ende mit einer Einsicht, die bereits frühere Generationen hatten: Es ist wohl nicht alles schlecht, was neu ist.

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