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Angst vor dem WLAN? Oder vor dem Computer?

WLAN
In den letzten Wochen und Monaten konnte man diese drei Meldungen lesen:

  1. In Hamburg werden Modellklassen eingerichtet, die überwiegend mit dem Computer statt mit Heft und Füller arbeiten sollen.
  2. Irgendjemandem fällt auf, dass dazu WLAN in den Klassen nötig ist. Das Projekt wird gestoppt, weil man Schüler nicht der gefährlichen Strahlung aussetzen will.
  3. Nachdem dieser Rückzieher groß durch die Presse ging, stellt er sich als klassische Ente heraus: Natürlich wird das Projekt starten.

Bezieht man jetzt noch mit ein, dass vor allem Punkt zwei, die angebliche Angst vor dem WLAN, am meisten Beachtung fand, dann ist diese kleine Kette von Ereignissen durchaus interessant. Zeigt sie doch vielleicht einen möglichen Grund dafür, dass die Computerkompetenz deutscher Schüler bei einer internationalen Untersuchung nur im Mittelfeld landete.

Unsere Welt ist inzwischen eine durch und durch digitale. Jede Sekretärin hat einen Computer auf dem Schreibtisch, ohne Online-Zugang kann man sich an vielen Unis nicht einmal mehr einschreiben. Selbst klassische Handwerksberufe wie Tischler oder Zerspanungsmechaniker kommen nicht mehr ohne den PC aus und die Stadtwerke lesen unseren Stromzähler per Internet aus und klingeln dazu nicht mehr an.
Die Frage, ob unsere Kinder den Umgang mit dem Computer lernen sollen, darf sich nicht mehr stellen. Es kann nur um das „wie” gehen.

Gleichzeitig aber zeigt das eingangs erwähnte Beispiel, dass es bei der Diskussion um Computer für Kinder nicht nur um die harten Fakten geht.
Es geht eben auch um ein – vielleicht eher unbestimmtes – Gefühl. Gerade in Deutschland gibt es auch eine diffuse Angst vor „dem Computer”, da wollen wir natürlich gerade unsere Kinder schützen. Das ist verständlich und richtig und gut. Aber wenn man schon schlecht gegen eine fundierte schulische Ausbildung argumentieren kann, dann bleibt als Argument auf einmal nur diese Angst vor dem nicht-greifbaren.

Was also tun?
Meiner Meinung nach gehören gerade deswegen Computer ganz selbstverständlich ins tägliche Leben auch von Kindern. Natürlich sind die Computer, ist das Internet, was uns Erwachsenen täglich begegnet, nicht unbedingt kindgerecht. Ebenso wenig wie der Straßenverkehr, der uns morgens in der Rush-Hour auf dem Weg ins Büro begleitet nicht kindgerecht ist.

Aber so wie wir mit Kindern üben, sich selbst im Verkehr zu orientieren und Tag für Tag sicherer werden, so gilt es, auch Kinder Schritt für Schritt nach Digitalien zu begleiten:
Ob sie mit Bauklötzen und Spielkarten nebenbei erste Erfahrungen mit digitalen Logik-Ketten machen oder in der Schule ihre Ergebnisse statt in einem roten Hefter in einem Klassenwiki festhalten – machen wir den Computer auch für unsere Kinder zu der gleichen positiven Selbstverständlichkeit, die er für uns längst ist.
Angenehmer Nebeneffekt für manche Zweifler übrigens: Alles, was ganz normal ist, verliert auch seinen übermäßigen Reiz. Etablieren wir den Computer als Selbstverständlichkeit für unsere Kinder, müssen unsere Teenies zum Protest vielleicht schon bald wieder in den Wald statt in den nächsten Chatroom flüchten.

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Mit Feuereifer durch Digitalien und Analogien

Vogelhaus

Die digitale Welt nimmt eine immer wichtigere Rolle ein in unserem Leben, auch im Leben der Kinder. Bereits die Kleinsten müssen auf dem Töpfchen nicht mehr auf das Biene Maya Video verzichten.

Nur weil solche Produkte technisch umsetzbar und wirtschaftlich tragbar sind, sind sie nicht automatisch auch sinnvoll. Produkte wie der iPotty laden wohl eher zum unreflektierten konsumieren als zum lernen und gestalten ein.

Das das problematisch ist, findet auch Nate Hanson, Gründer von Sumry:

If we don’t remove easy entertainment from our children, they’ll never learn to create their own.

Ich bin der Meinung, dass Abschottung von Digitalem keine Lösung ist. Kinder sammeln in beiden Welten wichtige Erfahrungen, aber auf unterschiedliche Weise.

Wie Nate Hansen kann aber auch ich mich an viele Momente in meiner Kindheit erinnern, in denen ich in der analogen Welt grübeln, konzipieren und tüfteln konnte.  Gemeinsam mit Freunden haben wir mehrere Schläuche zu einem langen verbunden, um Wasser für eine Natureisbahn nutzen zu können. Wir sägten und hämmerten aus einfachsten Hilfsmitteln Skateboard-Rampen und frisierten Mofas.

Manchmal waren wir erfolgreich mit unseren Konstruktionen, manchmal gingen sie zu Bruch oder funktionierten einfach nicht. Es sind Erfahrungen, die sich tief in die Erinnerungen gegraben haben und noch heute präsent sind.

Genau wie der klobige Fernseher und laute Computer mit dem Floppy Disk Laufwerk. Auch mit diesen Geräten konnten wir experimentieren, lernen oder einfach in faszinierende Welten eintauchen. Mit meinem Vater löste ich die kniffligen Rätsel im Strategiespiel „Indiana Jones“. Heute entwickeln Kinder in Minecraft ihre Fantasiewelten, ich baute damals meine eigene Sim City.

Nate Hansen wünscht sich eine heranwachsende Generation, die wieder Vögelhäuschen bastelt. Eindrucksvoll wäre doch, wenn zum Vogelhaus zusätzlich eine automatische Arduino-Futtermaschine gehören würde, die dem Vogel über mehrere Tage Nahrung bereitstellen würde.

Mit Feuereifer durch die Digitalien und Analogien.

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Mit Feuereifer durch Digitalien

Streichholz

Kinder sind geborene Weltverbesserer. Gib ihnen ein kniffliges Problem und sie suchen sofort nach einer Lösung und beschreiten dafür ganz intuitiv auch unorthodoxe Wege. Auch in der Auseinandersetzung mit „echten“ Weltproblemen setzen Kinder ein enormes innovatives Potenzial frei und bringen ihren Erfindergeist zur Anwendung. Man denke nur an die zahlreichen Umweltschutzprojekte aus der eignen Schulzeit zurück, an denen man sich mit Feuereifer beteiligt hat. Aber warum ist das so? Weil es (auch) Kinder inspiriert, wenn ihr Tun einen Sinn hat. Forscher haben herausgefunden, dass ein höheres Ziel Schüler besser zum Lernen motivieren kann.

Will man Kinder also auf das Leben in einer zunehmend technologiegetriebenen Berufswelt vorbereiten, reicht es vermutlich nicht aus, ihnen in der Schule nun zusätzlich zu Fremdsprachenvokabeln noch Programmiersprachen einzubläuen. Sonst blüht jenen vielleicht sogar dasselbe Schicksal wie den Lateinvokabeln. Es gilt vielmehr, einen „Unterricht zur digitalen Welt“ so zu gestalten, dass er Kinder maximal inspiriert und ihren Innovationsgeist weckt. Und das funktioniert dann gut, wenn sie mit dem abstrakten Wissen sehr schnell konkrete Probleme lösen können, wenn die Kinder also merken, dass sie durch das Erlernte selbst etwas bewegen können.

[…] while having programming on the curriculum will make a huge difference, it will not in itself be enough. To inspire children to become the creative technologists of tomorrow, we need to ignite a deep-seated passion for innovation and invention.

— Anita Chandraker, PA Consulting Group & Clive Beale, Raspberry Pi Foundation in tesconnect

Und gibt es einen besseren Grund als bis in die Haarspitzen intrinsisch (!) motivierte und inspirierte Kinder, um dem projektbasierten Lernen endlich mehr Raum im Curriculum zu geben?

Every young person is equal-parts scientist, magician, and engineer. They pull things apart to discover something new because they know better than any academic that when we tinker, we learn. They ask questions out loud and to no one at all. They find order in mess, chaos in tidy. They practice the art of unstructured invention five times before lunch. It’s the LEGO way.

— Lital Marom, CEO Beyond in the Joan Ganz Cooney Center blog

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Informatik zu Fuß

informatikzufuss

Computertechnologie ist ein zentraler Teil unserer Lebensrealität geworden. Wir Erwachsenen haben die Annehmlichkeiten der digitalen Welt sukzessive für uns entdeckt, unsere Kinder werden gleich mit ihnen sozialisiert und kennen es damit gar nicht mehr anders.

Das ist weder schlimm noch bedrohlich, setzt aber voraus, dass wir zumindest eine vage Idee davon haben, wie wir mit dem Thema „digitale Welt“ im Kontext Erziehung umgehen wollen. Eine Idee für den privaten Bereich, aber auch eine, die die Erziehung unserer Kinder in öffentlichen Einrichtungen betrifft. Denn die weitaus meisten von uns können ihnen in Sachen Digitalien allenfalls noch mit Viertel- oder Halbwissen beiseite stehen und sind daher auf die Arbeit auch in dieser Richtung gut ausgebildeter Pädagogen angewiesen. Klassische Programmier- und Computerkurse sind ein gangbarer Weg und einige (noch sehr wenige) Länder haben das Fach „Programmieren“ bereits auf den Lehrplan gesetzt. Das ist auf jeden Fall eine gute und richtige Entwicklung.

Charmant finde ich persönlich jedoch besonders jene Initiativen, die Technologiewissen ganz ohne Computer vermitteln wollen – Informatik zu Fuß, sozusagen. An der Universität von Canterbury (Neuseeland) widmen sich die Professoren Tim Bell, Mike Fellows und Ian H. Witten schon seit gut zwei Jahrzehnten genau diesem Thema und haben gemeinsam das Programm „Computer Science Unplugged“ ins Leben gerufen. Es umfasst ein Sammlung verschiedener analoger Lernspiele, mit deren Hilfe Kindern (und Erwachsenen) grundlegende Konzepte der Informatik vermittelt werden, wie z.B. binäre Zahlen, Algorithmen oder auch Datenkomprimierung. Auf der (vielleicht etwas in die Jahre gekommenen) Webseite sind alle von ihnen zusammengetragenen Lernspiele verfügbar und es gibt ein kostenloses E-Book zum Download, das auch als Open Source Version verfügbar ist und 2012 zuletzt aktualisiert wurde. (Es gibt sogar eine Version in deutscher Sprache, die ist zwar nicht mehr ganz taufrisch, aber sicher noch ganz gut brauchbar.)

Etwas ausführlicher kann man sich auch bei Slate über „Computer Science Unplugged“ informieren.

Wir müssen uns stärker um die digitale Bildung kümmern. In den USA entwickelt sich der digitale Bildungsmarkt derzeit blitzschnell. Wir müssen das nicht alles kopieren. Aber wir müssen uns fragen, ob Bildung bei uns weiterhin allein eine hoheitliche Aufgabe sein soll und ob wir konkurrenzfähig sind.

— Gesche Joost, Internet-Botschafterin Deutschlands in Die Welt

We can try as hard as we want to push back and to carve space into our children’s lives for treehouses and puzzles and Waldorf-style dolls, but in the end, our children will grow up with the whole world at their fingertips, courtesy of a touch screen, and they will have to learn how to find the balance between their cyber and real worlds.

Allison Slater Tate in der Washington Post

Today’s kids are true digital natives as they are exposed to media and technology earlier in their lives and through more touch points than any previous generation. This can have a profound impact on children’s learning, social development and behavior, and the only way to maximize the positive impact—and minimize the negative—is to have an accurate understanding of the role it plays in their lives.

James P. Steyer, CEO und Gründer von Common Sense Media