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Vollkommen undigitales Erlernen von Hypertext. Eine Unterrichtsmethode.

hypertext

Relativ spontan entstand letztens diese kleine Unterrichtsmethode, um Basiswissen für die Orientierung in Digitalien schon ab der Grundschule zu üben – vollkommen undigital und ohne auch nur einen einzigen Computer.
Die Methode eignet sich als Ergänzung am Ende einer Projektarbeit, wenn die Ergebnisse zB in Form einer Wandzeitung den Mitschülerinnen und -schülern präsentiert werden soll. Der Zeitaufwand ist gering.

Sie ist skalierbar – mindestens sollten 4 Gruppen in einer Klasse ihre Arbeit vorstellen, maximal kann die Arbeit einer ganzen Schule zB am Ende einer Projektwoche so ergänzt werden.

Hintergrund:
Hypertext ist die Grundlage des World Wide Web. Erst die Technik des Hyperlinks in einem Browser machte aus dem Internet das WWW.
Durch die Möglichkeit, jeden beliebigen Begriff, jedes Wort eines Textes mit jedem beliebigen Dokument an einer anderen Stelle zu verlinken, ändert sich aber auch unser Leseverhalten: Bei jedem Link müssen wir entscheiden, ob wir das eigentlich gerade gelesene Dokument verlassen und dem Link folgen oder evtl. eine Technik (z.B. Bookmark setzen, Link in neuem Tab im Hintergrund öffnen) nutzen, uns den Link zu merken und im ersten Text weiter zu lesen.
Im schlechtesten Fall folgen wir sofort jedem Link und wissen am Ende weder wo wir angefangen haben noch warum – und sind frustriert.
Im besten Fall haben wir fundiert und mit diversen Quellen belegt etwas Neues gelernt.

Damit das gelingt, bedarf es aber neben neben diesen neuen Lesetechniken auch auf der Seite der Autoren erhöhter Sorgfalt beim Erstellen der Hypertexte.
Zum Beispiel kann es eine Rolle spielen, ob Links sofort im Text oder erst jeweils am Ende eines Absatzes oder sogar erst am Ende des Textes gesetzt werden. Auch die Wortwahl ist wichtig.

Im thematisch klar begrenzten Umfeld einer Projektarbeit können die Schülerinnen und Schüler sowohl das Schreiben von Hypertext als auch notwendige neue Leseverfahren üben und ihre Erfahrungen austauschen.

Neben der thematischen Reflexion der Projektarbeit ist es es hilfreich, wenn auch die Erfahrungen mit der Präsentation – also das Lesen der Texte noch einmal besprochen werden.

Material:

  • Mehrere Knäuel Wolle
  • Pinnwandnadeln
  • pro Schülerin oder Schüler viele transparente Klebestreifen („buntes Tesa“)
  • pro Schülerin oder Schüler 2 kleine Post-Its

Ablauf:
Die Schülerinnen und Schüler halten die Ergebnisse ihrer Arbeit auf großen Plakaten fest, vergleichbar einer üblichen Wandzeitung.
Es ist gut, wenn die Plakate auf Styropor oder Kork hängen, so dass man Nadeln hineinstechen kann.

Dann suchen die Schülerin oder Schüler in ihrem Text Anknüpfungspunkte an die Ergebnisse der anderen und spannen Fäden vom Begriff zur Textstelle im anderen Ergebnis.
Zum Schluss lesen die Kinder alle Texte noch einmal und können dabei den Links (=Fäden) folgen und so ihre eigene Arbeit im neu entstandenen Gesamtzusammenhang einordnen. Sie markieren, wo sie Fäden gefolgt sind oder setzen sich Markierungen, wenn sie etwas später lesen möchten.

Beispiel:
Fäden spannen („Links setzen“):
Gruppenarbeit zum Thema „meine Stadt“

  • Gruppe 1: Geschichte meiner Stadt
  • Gruppe 2: Industrie in meiner Stadt
  • Gruppe 3: Bevölkerung und Religionen in meiner Stadt
  • Gruppe 4: Kultur in meiner Stadt

Gruppe 1 weiß vom eigenen Plakat, dass für die Entwicklung der Stadt wichtig war, dass der Erzbischof XY 1680 der Stadt die Bürgerrechte verlieh und spannt einen Faden zur Gruppe 3 (Religion) wo der Bischof vorgestellt wird.

Gruppe 2 weiß vom eigenen Plakat, dass sich 1880 viel Industrie ansiedelte und 1975 viel Industrie abwanderte und spannt zwei Fäden zu Gruppe 1 (Geschichte / Bevölkerungsentwicklung) und einen Faden zu Gruppe 3 (Gastarbeiter kamen)

Gruppe 3 spannt Fäden zurück von der Bevölkerungsexplosion 1880/1890 zur Industrie bei Gruppe 2 sowie zur Kultur bei Gruppe 4, die durch die Gastarbeiter vielfältiger geworden ist.
Und so weiter.

Lesen:
Die Schülerin oder Schüler beginnen bei einem beliebigen Text. Folgen Sie einem Faden, markieren sie die Stelle an der der Faden startet (den „Link“) mit einem Klebestreifen mit ihrem Namen – so kann man später zusätzlich sehen, welche Links interessant und welche unspannend waren.
Stellen die Kinder fest, dass sie den Link zwar interessant finden, aber lieber erst im Text bleiben möchten, können sie stattdessen ein Bookmark setzen (= ein PostIt an den Link kleben). Die Beschränkung auf 2-4 Post-Its vermeidet dabei, dass alle Links gebookmarked werden.

Reflexion:
Nach der thematischen Reflexion schauen sich alle zusammen an, welche Links interessant waren und welche nicht. Man kann besprechen, warum das so sein könnte und ob sich z.B. durch andere Linkformen daran etwas ändern ließe.
Quasi als Sahnehäubchen obendrauf kann durch die Anzahl der Fäden leicht erkannt werden, welche Themen offensichtlich wichtig waren – was oft verlinkt ist, muss eine Bedeutung für das Gesamtthema haben. So hat die Beschäftigung mit Hypertext auch noch einen thematischen Nutzen für die eigentliche Unterrichtsreihe.

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